Martin Scorsese

 

 

Infos

Ausstellung über den großen Filmemacher anlässlich seines 70. Geburtstages.

Martin Scorsese

10. Januar 2013  bis  12. Mai 2013


Deutsche Kinemathek
Museum für Film und Fernsehen
Potsdamer Straße 2
10785 Berlin

Öffnungszeiten
Di-So 10–18 Uhr, Do 10-20 Uhr

 

Beschreibung der Ausstellung

 

Martin Scorsese ist ein großer Stilist und Archäologe des Kinos. Als einer der bedeutendsten amerikanischen Regisseure erzählt er in seinen Filmen von den Menschen und den Konflikten seines Landes. Die Ausstellung zeigt, wie sehr seine individuelle künstlerische Erzählweise das moderne amerikanische Kino geprägt hat, und legt zugleich seine Inspirationsquellen und Arbeitsweisen offen. Scorsese hat in New York Film studiert, und das Spektrum seines Oeuvres reicht von experimentellen  Anfängen über den Dokumentar- und Musikfilm bis zum Psychothriller. Zahlreiche Stoffe sind autobiografisch motiviert, und ein zentraler Schauplatz ist Scorseses Geburtsstadt New York.

Die Gestaltung der Schau wird raumgreifende Videoinstallationen und emblematische Originalobjekte in Beziehung setzen. Es ist die weltweit erste Ausstellung über Martin Scorsese anlässlich seines 70. Geburtstags am 17. November 2012. Sie wird unter anderem die persönliche Sammlung des Regisseurs, die Robert De Niro und Paul Schrader-Collection sowie die Sammlung seines Production Designers Dante Ferretti auswerten.

In den Filmen von Martin Scorsese mögen die Schauplätze und Zeiten wechseln, bestimmten Figurenkonstellationen begegnen wir immer wieder. Die Familie mit ihren patriarchalischen Strukturen bildet das Fundament der italienischen Einwanderer. Mit »Italianamerican« (1974). seinem zweiten Dokumentarfilm, zeichnet der Regisseur ein Porträt seiner Eltern und zugleich eine Studie Ober das Leben der italo-amerikanischen Einwandererfamilien in den USA. Der Begriff »Familie« meint zugleich die »Mafia«, die den jungen Männern scheinbar Halt und Orientierung bietet. Filme wie »Good Fellas« (1990), »Casino« (1995) oder »The Departed« (2006) zeigen, wie schwer es ist, sich aus diesem System zu lösen. Im Zentrum vieler Scorsese-Filme stehen Bruderpaare, bei denen einer für den anderen Verantwortung trägt. Ob die beiden Männer blutsverwandt sind, ist weniger von Bedeutung, doch sie sind scheinbar aneinander gefesselt. Die Annäherungen zwischen Männer und Frauen erscheinen hingegen oftmals wie ein unsicheres Tasten. Scorsese inszeniert Männer, die Schwäche zeigen wollen, doch hierfür die Gesten und das Vokabular nicht kennen. Und so stehen im Zentrum vieler seiner Filme einsame Helden, »lonely heroes«, deren Unsicherheit von Wut und Aggression überlagert wird.

Martin Scorsese wuchs in Little Italy Downtown Manhattan auf, einem italienischen Mikrokosmos, der nur aus wenigen Häuserblocks bestand - eine Miniaturgesellschaft innerhalb des amerikanischen Mainstreams mit eigener Kultur und eigenen Gesetzen. Die bestimmenden Kräfte waren die Mafia und die katholische Kirche. Als Scorsese Mitte der 1960er-Jahre sein Filmstudium an der New York University aufnimmt, empfiehlt ihm sein Lehrer Haig Manoogian, Geschichten aus diesem Milieu zu erzählen. So entsteht sein Spielfilmdebüt » Who's that Knocking at My Door?« (1967), und schließlich der Film, der Scorsese zum geachteten Regisseur macht: »Mean Streets« (1973). In beiden Filmen steht ein Held im Zentrum, um ihn herum die normierende, zugleich Halt bietende Familie. Diese kleinste Zelle wiederum ist Teil der abgeschotteten italienischen Community, die inmitten des Molochs New York liegt. Dieses »andere« New York kann wie in »Taxi Driver« (1976) oder »Bringing Out the Dead« (1999) der transitorische Raum mit den schmutzigen, vom Elend der Obdachlosen, Junkies und Prostituierten geprägten Straßen »Downtown« Manhattans sein, oder im scharfen Gegensatz dazu, wie etwa in »The Age of Innocence« (1993), das New York der Reichen und Mächtigen in »Uptown« Manhattan.

Die ersten Filme sah Martin Scorsese als Kind auf dem Schwarz-Weiß-Fernseher seiner Eltern. Später ging sein Vater mit ihm ins Kino. Diese frühen Seherfahrungen legten die Grundlage für Scorseses Begeisterung für das Kino und seine eigene künstlerische Arbeit. Für den »Score« (die Filmmusik) zu »Taxi Driver« engagiert Scorsese Bernard Herrmann und erweist sowohl dem großen amerikanischen Filmkomponisten seine Reverenz als auch dem Kino von Regisseuren wie Alfred Hitchcock, der oft mit Herrmann zusammenarbeitete. Der Einsatz von Musik spielt immer wieder eine große Rolle in Scorseses Werk. »New York, New York« (1977) ist zum Beispiel eine Hommage an das amerikanische Filmmusical der 1940er und 1950er-Jahre. Die Filmgeschichte selbst wird zum Bestandteil der Erzählung, wenn in »The Aviator« (2004) die Biografie des filmbesessenen Flugpioniers Howard Hughes (Leonardo DiCaprio) erzählt wird.

Nachdem der Cineast Martin Scorsese bereits Anfang der 1980er-Jahre eine Kampagne zum Erhalt von verblassenden Farbfilmkopien gestartet hatte, gründete er 1990 zusammen mit anderen berühmten Kollegen wie Steven Spielberg, Francis Ford Coppola und Stanley Kubrick die »Film Foundation«, die sich dem Erhalt des internationalen Filmerbes widmet. Mit seinem leidenschaftlichen Engagement für die Bewahrung des bewegten Bildes und der eigenen künstlerischen Arbeit als Filmregisseur schlägt Scorsese seit Jahrzehnten eine Brücke zwischen der Geschichte und der Zukunft des Kinos.

Auf der Grundlage seiner Studien über die Sprache des Kinos und über die Menschen, ihre Antriebe und Wünsche, hat Martin Scorsese eine eigene filmische Handschrift entwickelt. Die Inszenierung von Gewalt am Rande des Wahnsinns steht im Zentrum vieler seiner Filme, aber auch die Suche nach Spiritualität. Souverän wählt er für jeden Stoff die adäquate ästhetische und formale Lösung. Bei aller Brutalität der Handlung zeichnen sich viele Filme Scorseses durch eine spielerische Leichtigkeit aus. Dies liegt sowohl am Inszenierungsstil des Regisseurs als auch an der virtuosen Kameraarbeit von Kameramännern wie Michael Ballhaus oder Robert Richardson. Leichtfüßig gleitet man in »The Age of Innocence« durch die opulenten Säle des New Yorker Bürgertums des 19. Jahrhunderts oder durch ein labyrinthisches Spielcasino im Las Vegas der 1970er-Jahre in »Casino« (1995). Auch Kampfszenen werden von Scorsese stets virtuos inszeniert. In »Raging Bull« (1980) experimentiert er mit einer Kamera, die dicht bei Jake La Motta (Robert De Niro) im Ring bleibt, er setzt Zeitlupe und einen experimentellen Ton ein. Häufig enden die gewalttätigen Auseinandersetzungen in wahren Blutorgien, oftmals durch eine christliche Symbolik - beispielsweise das Motiv der Kreuzigung - aufgeladen. Scorsese hegte als Kind den Wunsch, Priester zu werden. Er wird schließlich Filmregisseur, aber die existenziellen Fragen nach Glaube und Religion begleiten ihn ein Leben lang.

KRISTINA JASPERS und NILS WARNECKE
Die Autoren sind Kuratoren der Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen.