BERLINS VERGESSENE MITTE

 

Infos

Fotoausstellung über die alte, untergegangene Mitte von Berlin.

Unser Angebot zur Ausstellung

BERLINS VERGESSENE MITTE

bis 27. März 2011

Stadtmuseum Berlin - Ephraim Palais
Poststraße 10 (Nikolaiviertel)
10178 Berlin

Öffnungszeiten
Di, Do-So 10–18 Uhr, Mi 12-20 Uhr

Eintritt
€ 7,– | € 5,– ermäßigt

Beschreibung der Ausstellung

Berlin hat viele Zentren. Aber wo liegt die Mitte der Stadt? Durch den Fernsehturm und das Rote Rathaus scheint sie weithin markiert. Viele Berliner und Touristen wissen nicht, dass sich in dieser Umgebung der mittelalterliche Kern der heutigen Metropole erstreckte. Marien- und Nikolaikirche sind die letzten Zeugen einer Altstadt, die durch fortlaufende Modernisierung, Kriegszerstörung und sozialistische Hauptstadtplanung ausgelöscht wurde. Das jetzige Aussehen der Mitte ist umstritten. Wem gehört sie und was gehört hierher? Sie ist prominenter städtischer Lebensraum, aber auch zentraler Ort der Bundeshauptstadt.

Die Ausstellung führt die einstige Pracht der Berliner Mitte vor Augen, zeichnet aber auch den dramatischen Veränderungsprozess nach, der mit Beginn der Industrialisierung einsetzte. Der Parcours folgt dabei der Topografie der einstigen Doppelstadt Berlin-Cölln, also etwa dem Gebiet zwischen dem Spreekanal und dem Stadtbahnabschnitt Hackescher Markt-Jannowitzbrücke.

Am Petriplatz ist man in der kommunalen und geistlichen Mitte Cöllns, heute durch den autobahnähnlichen Ausbau der Gertraudenstraße kaum mehr wahrzunehmen. Das Cöllnische Rathaus wurde schon 1899 dem wachsenden Verkehr geopfert. Dagegen fungierte der fast einhundert Meter hohe Turm von St. Petri. zuletzt Kriegsruine, bis zum Abriss zu Beginn der 196oer-Jahre als Wahrzeichen der Innenstadt. Die Breite Straße war einmal die wichtigste Straße Cöllns, sie erlebte höfische Feste als auch die Barrikadenkämpfe der 1848er-Revolution. In wilhelminischer Zeit war sie neben dem Marstall durch Rudolph Hertzogs Kaufhauskomplex geprägt, dessen Fläche ab 1968 das Bauministerium der DDR einnahm.

Ein Luftangriff machte dem »Roten Schloss« den Garaus, einem monumentalen Wohn- und Geschäftshaus gegenüber der Südwestecke des Stadtschlosses. Mitte der 186oer-Jahre hatte es die vom Anfang des 18.Jahrhunderts stammende »neue Stechbahn« aus verkehrstechnischen Gründen ersetzt. Das Schloss selbst steht weniger im Fokus der Ausstellung als vielmehr sein Verhältnis zur umgebenden baulichen Nachbarschaft. Wohnquartiere mussten repräsentativen Zwecken der Hohenzollern und dem Ausbau der Museumsinsel weichen. Als Symbol bürgerlichen Widerstands dagegen ist die Saloniere Sara Levy hervorzuheben: Ihr Wohnhaus hinter dem alten Packhof wollte sie nicht dem Bau des Neuen Museums opfern, der infolgedessen geringfügig aus dem rechten Winkel zum Alten Museum gerückt werden musste.

»In unmittelbarer Nähe des jüngst vollendeten stolzen Rathhausbaues steht ein kleines Stück alternden Gemäuers, eine complette Ruine, aber ohne jede Romantik einer solchen. Ist es nicht unerhört, fabelhaft, scheußlich, unverantwortlich u.s.w., einen solchen Ablagerungsort für Unreinigkeit überhaupt in der Stadt und nun vollends an einem so bevorzugten Platze, angesichts eines sich endlos drängenden Verkehrs fortbestehen zu lassen? Fort damit ohne Gnade und Widerrede!!« So brachte die »Vossische Zeitung« am 24.April 1870 eine unter den Berlinern weitverbreitete Auffassung über die als öffentliches Pissoir missbrauchte Gerichtslaube zum Ausdruck. Ein Jahr später verschwand das letzte Zeugnis des alten Berliner Rathauses, dessen Geschichte bis in die zweite Hälfte des 13.Jahrhunderts zurückreichte.

Ganze Gebiete der einstigen Doppelstadt sind völlig verschwunden, ihr Grundriss bis zur Unkenntlichkeit überbaut - so auf Cöllner Seite der Fischerkiez, auf Berliner Gebiet das Börsenviertel oder der Krögel. Manche Eingriffe in die Stadtstruktur wirken dabei wie selbstverständlich gewachsen, obgleich sie Ergebnis strategischer Planungen sind, so die Verlängerung des Boulevards Unter den Linden nach Osten unter dem Namen Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Karl-Liebknecht-Straße), realisiert zwischen 1869 und 1889. Dagegen wirkt die auf einen städtebaulichen Ideenwettbewerb zum Stadtzentrum der Hauptstadt der DDR von 1958/59 zurückgehende Grunerstraße als südliche Zentrumstangente wie ein Fremdkörper, deren Verlauf es am Molkenmarkt zu korrigieren galt.

Die Ausstellung setzt vornehmlich auf die Fotografie, die schon seit etwa 1840 in Berlin zur Stadtbilddokumentation genutzt und einst vom Märkischen Museum systematisch gesammelt und später auch beauftragt wurde. Eine eigene Gattung bilden Höhenpanoramen, an denen sich sowohl Berliner Stadt- als auch Fotografiegeschichte ablesen lässt. Ab 1868 ermöglichte der 97 Meter hohe Rathausturm einen Rundumblick über das altstädtische Häusergewirr. Seit Einweihung des Berliner Doms 1905 war dessen 114 Meter hohe Kuppel zur neuen Höhendominante geworden und wurde für die Aufnahme von fotografischen Rundbildern genutzt. Beliebt war auch der Blick vom Dach der Darmstädter Bank am Schinkelplatz. Durch die Hochhausbauten nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Stadt weiter in die Höhe. Entsprechend gewannen die dann möglichen Überblicke an Komplexität, gipfelnd im Rundblick vom 1969 eröffneten Fernsehturm.

Für die Besucher entstehen gleichsam Bilderfolgen, die das historische Berlin/Cölln wieder erstehen lassen und in ihrer Fülle und Detailgenauigkeit einen Gesamteindruck früherer Stadtstrukturen vermitteln. Eingewoben ist eine Vielzahl erstmals präsentierter historischer Dokumente und Filmaufnahmen aus verschiedenen Archiven und Sammlungen. Durch einen Aufruf des Stadtmuseums Berlin konnte auch aus Privathand interessantes Material gewonnen werden.

Gleich einem Stadtspaziergang durch Raum und Zeit setzen die Bilder das heutige und frühere Berliner Stadtinnere visuell zueinander in Beziehung. Das Entstehen, Vergehen und Vergessen und das immer wieder neue Werden der Stadt macht die Ausstellung ihren Betrachtern, auch auf emotional berührende Weise, sichtbar. Die jüngsten Aufnahmen thematisieren dabei die aktuellen urbanen Transformationen des Stadtkerns. Umzeichnungen verschiedener Ideen zur Gestaltung der Mitte, vom Städtebaulichen Leitbild (1992) über den Ideenwettbewerb Spreeinsel (1994) und das Planwerk Innenstadt (1996) bis zur Beschlussfassung des Planwerks (1999), bieten die Basis für eine objektive Bewertung. Zwischen diesen städtebaulichen Visionen und der ältesten Fotografie, einer Aufnahme des alten Berliner Rathausturms vor seinem Abriss, spannt sich das faszinierende Panorama einer Stadt im Wandel. Deren zum Leben erweckte Vergangenheit hält interessante Perspektiven für die Zukunft bereit.